25. Sonntag A - 20.09.2026

Predigt zum 25. Sonntag A
Jes 55,6 – 9; Mt 20,1 – 16
„Das ist doch ungerecht!“ – Ich kann die Arbeiter, die seit dem frühen Morgen im Weinberg gearbeitet haben, gut verstehen. Den ganzen Tag haben sie geschuftet, in der Hitze. Und dann kommen am Abend noch ein paar dazu, arbeiten gerade einmal eine Stunde – und bekommen genau denselben Lohn.
Da würde ich vermutlich auch protestieren.
Aber da lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn den Arbeitern der ersten Stunde wird nichts weggenommen. Sie bekommen genau den Lohn, der vereinbart war. Einen Denar. Das wird erst dann zum Problem, als sie sehen, was die anderen bekommen.
Und damit stellt dieses Evangelium eine ziemlich unangenehme Frage:
Was wird mir weggenommen, wenn jemand anderes etwas bekommt?
Ein kleines Detail in der Geschichte finde ich besonders spannend. Als der Gutsbesitzer die letzten Arbeiter fragt, warum sie den ganzen Tag untätig herumstehen, antworten sie: „Niemand hat uns angeworben.“ Nicht: Wir wollten nicht. Nicht: Wir hatten keine Lust. Sondern: Niemand hat uns gefragt.
Das kommt mir auch aus unserer Kirche bekannt vor (natürlich nur in anderen Pfarren). Wir sagen oft: Es engagieren sich immer weniger Menschen. Es wird schwieriger, Ehrenamtliche zu finden. Aber wie viele Menschen gibt es, die sagen könnten: Mich hat noch nie jemand gefragt? Vielleicht sitzt jemand seit Jahren in der Kirche und denkt: Ich würde mich ja einbringen. Aber offenbar braucht mich niemand.
Und was passiert, wenn so jemand plötzlich gefragt wird? Wenn eine Neue gleich mitreden darf, eine Aufgabe bekommt, etwas gestalten kann? Können diejenigen, die schon seit Jahrzehnten dabei sind, sich darüber freuen? Oder meldet sich ganz leise der Gedanke: Und die darf jetzt auch schon?
Was wird mir weggenommen?
Diese Frage taucht auch in anderen Zusammenhängen immer wieder auf. Wenn zwei Frauen oder zwei Männer ihre Liebe leben, verbindlich füreinander da sind und sich von Gott begleitet wissen – was nimmt das einer Ehe zwischen Mann und Frau? Wird die eigene Beziehung dadurch weniger wertvoll?
Oder wenn jemand Unterstützung bekommt, die ich selbst nicht brauche. Wenn ein Mensch dazugehören darf, der bisher am Rand gestanden ist. Wenn jemand noch eine Chance bekommt, obwohl andere meinen, sie sei längst verspielt.
Immer wieder dieselbe Frage:
Was wird mir dadurch weggenommen?
Natürlich gibt es wirkliche Ungerechtigkeit. Menschen werden ausgebeutet, schlecht bezahlt, übersehen oder benachteiligt. Das Evangelium sagt nicht: Reg dich darüber nicht auf.
Aber den Arbeitern der ersten Stunde geschieht kein Unrecht. Ihr Ärger entsteht, weil der Gutsbesitzer zu den anderen großzügiger ist, als sie es für angemessen halten.
Und genau da trifft sich das Evangelium mit der Lesung aus Jesaja: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege.“
Wir rechnen gerne: Wer hat mehr geleistet? Wer war zuerst da? Wer hat es verdient? Wer gehört schon länger dazu?
Gott rechnet offenbar anders.
Vielleicht ist Gottes Güte keine begrenzte Ressource, die sorgfältig portioniert werden muss. Als gäbe es nur eine bestimmte Menge Liebe, Anerkennung, Würde, Zugehörigkeit und Segen – und wenn jemand mehr davon bekommt, bleibt für mich weniger übrig.
Bei Gott wird mein Leben nicht ärmer, weil auch ein anderer Mensch leben darf. Meine Würde wird nicht kleiner, weil auch die Würde eines anderen Menschen zählt. Und Gottes Liebe wird nicht weniger, weil sie für alle reicht. Amen.
Elisabeth Fritzl