19. Sonntag A - 09.08.2026 - Wo ist Gott? Wie ist Gott? Wo kann ich ihn finden?

Predigt am 19. Sonntag im Lesejahr A 2026 – 08 – 09
Wie schon am letzten Sonntag, so verbindet auch an diesem Sonntag ein Wort die Lesung und das Evangelium: KOMM! Jesus sagt es ganz nüchtern und schlicht zu Petrus, der auch auf dem Wasser gehen möchte, so wie sein Herr und Meister: Komm, sagt Jesus. Feierlicher und fordernder erklingt dieses Wort in der Lesung als „Wort des Herrn“. Es gilt dem Propheten Elija. Er hat sich am Gottesberg Horeb in eine Höhle begeben um zu übernachten: „Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“
Komm!
In meiner Predigt möchte ich heute bei den beiden Bibelstellen bleiben. Zuerst die Gedanken zur Lesung und dann zum Evangelium:
1. Wo ist Gott? Wie ist Gott? Wo kann ich ihn finden, wenn ich ihn so wie Elija verloren habe? Die Antwort und damit die Lektion, die Elija lernen muss: Gott ist nicht im Sturm. Er ist nicht im Erdbeben. Er ist nicht im Feuer. Wohl aber ist er im „sanften, leisen Säuseln“. Martin Buber hat es so übersetzt: Gott ist wie „eine Stimme verschwebenden Schweigens“. So leise, kaum zu hören und daher so leicht zu überhören. Wir könnten auch sagen - so ohnmächtig! Damit wird das Gottesbild des Elija hinterfragt – und wohl auch unser Gottesbild, unser Bild vom starken und allmächtigen Gott. Was hier eher noch dezent angedeutet wird, das hat Jahrhunderte später der Prophet Jesaja mit seinen Liedern vom Gottesknecht ausgedrückt: Gott ist auf der Seite des Ohnmächtigen. Sein Gerechter schreit und lärmt nicht. Er verstummt im Angesicht der Gewalttäter. Er lässt sich schlagen und scheren, wie ein unschuldiges Lamm. Wiederum Jahrhunderte später offenbart Jesus, der Christus, Gottes Ohnmacht, Gottes ohnmächtige Liebe. Er lässt sich schlagen, verhöhnen und erniedrigen. Er stirbt den schmählichen Tod am Kreuz. Gerade so verkündigt Jesus aber als der geliebte Sohn des Vaters die letztlich unfassbare Liebe Gottes, diese ohnmächtige Liebe seines „Abbas“ im Himmel: „Wahrhaftig, Gottes Sohn war dieser!“ sagt der heidnische römische Hauptmann über den, den er gerade gekreuzigt hat. Die Macht der Ohnmacht, die Macht der Liebe – da ist Gott! So ist Gott und so finden wir Gott…
2. Drei „Bilder“ sind mir zum heutigen Evangelium in den Sinn gekommen:
2.a. Aus der europäischen Kulturgeschichte ist es die Erzählung von Ikarus: In seinem jugendlichen Übermut und gegen alle Warnungen seines Vaters Dädalus steigt Ikarus mit seinen Flügeln aus Federn und Wachs zu hoch und stürzt vor den Augen seines Vaters ab. Da ist niemand der ihn auffängt. Im Evangelium ist es die Nr. 1 unter den Aposteln, die Mut zeigt und Jesus herausfordert. Sobald Petrus der Mut verlässt, sobald er um Hilfe schreit und zu ertrinken droht, ist da Gott sei Dank eine Hand, Jesu Hand, die ihn auffängt! Jesus ist zur Stelle und rettet Petrus. Er fängt alle auf, die fallen – das ist unser Glaube und unser Vertrauen.
2.b. Aus der österreichischen Kunstgeschichte ist es das Bild von Herbert Böckl in der Dom- und Wallfahrtskirche Maria Saal: 1928 hat es der Künstler gemalt. „Die Errettung Petri aus dem See Genezareth“ – wobei Böckl den versinkenden Petrus als Lenin dargestellt hat. Was für eine starke Botschaft dafür, dass Jesus für alle „Jesus“ ist - Jehoschua, der helfende, der rettende Gott! Trotzdem wurde das Bild über Jahrzehnte hinter einem Vorhang verhüllt und versteckt. Erst der damals noch junge und neue Bischof von Gurk – Dr. Egon Kapellari – hat die Abnahme des Vorhangs verfügt. Es war eine seiner ersten Amtshandlungen, ein starkes und mutiges Zeichen, das Kapellari gesetzt hat - eine Entscheidung von hohem symbolischem Wert für einen neuen Dialog zwischen Kirche, Kunst und Gesellschaft. Bis heute können unserem em. Bischof Egon im ganzen Land in Sachen Kunst nur wenige das Wasser reichen…
Die Botschaft des Bildes von der Errettung des Apostels Petrus bzw. des Kommunisten und Revolutionärs Lenin ist ganz klar: Jesus ist für alle Jesus! Er kann alle retten. Er fängt alle auf - selbst einen Lenin!
2.c. Für das dritte Bild zum Evangelium müssen wir uns die Klasse einer Berufsschule vorstellen. Sie hat Religionsunterricht mit Frau Prof. Anke Lechtenberg (Die Sonntagsevangelien im Lesejahr A, Pustet-Verlag 2022, Seite 133-134): Sie fordert die Klasse auf, das Sonntags-Evangelium zu deuten: Welche Gedanken und Gefühle kommen Ihnen zu diesem Jesus, der auf dem Wasser geht? Es sprudelt nur so an Antworten und Bemerkungen: Es war stürmisch, schlechtes Wetter, hohe Wellen, trübe Sicht, Panik auf der Titanic, Angst und Ausweglosigkeit, der Boden bricht einem unter den Füßen weg… Es werden viele sog. Lebensstürme aufgezählt und gesammelt. Die Lehrerin führt das Gespräch weiter: „Und dann geht Jesus mitten in der Nacht über Wind und Wellen, über Angst und Ausweglosigkeit…“ Spontan ruft von hinten ein Schüler: Und Jesus geht nicht unter in all dieser Angst! Genau, sagt die Lehrerin. Jesus geht nicht unter in all dieser Angst! Er weiß sich von Gott getragen, komme, was da wolle. Die Religionslehrerin spricht die Gedanken des Petrus laut aus: Herr, wenn du das bist im Sturn und auf dem Wasser, wenn du da gehst, wo andere versinken, dann…
„Dann gehe auch ich auf der Angst meines Lebens, ohne unterzugehen!“, ruft ein anderer Schüler in den Raum. Die Lehrerin ist begeistert. Genau das ist die Message, sagt sie. Sie bittet den Schüler den Satz noch einmal zu sagen: „Dann gehe auch ich auf der Angst meines Lebens, ohne unterzugehen!“ Herr, lass uns dir vertrauen. Dann können wir auf der Angst unseres Lebens gehen – ohne unterzugehen! Amen.
Pfarrer Edi Muhrer

