11. Sonntag im Jahreskreis, A - 14.6.2026

Predigt von Elisabeth Fritzl am 14.6.2026
(Ex 19,2 – 6a.; Mt 9,36 – 10,8)
Im Evangelium heißt es von Jesus: „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen.“ Bevor Jesus die Jünger aussendet, schaut er auf die Menschen. Er sieht ihre Not, ihre Sorgen, ihre Orientierungslosigkeit. Sein Blick bleibt nicht an der Oberfläche hängen. Auch Gott handelt in der Lesung so. Bevor er Israel seine Berufung zuspricht, erinnert er an das, was er bereits getan hat:
„Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe und wie ich euch auf Adlerflügeln getragen habe.“
Gott beginnt nicht mit Forderungen. Er beginnt mit seiner Liebe und Fürsorge. Er sieht die Menschen und handelt für sie. Vielleicht ist das auch eine wichtige Botschaft für uns: Wir müssen uns Gottes Liebe nicht erst verdienen. Gott sieht uns, kennt unsere Geschichte und ruft uns gerade deshalb. Am Sinai sagt Gott: „Ihr sollt mir als Königreich von Priestern und als heiliges Volk gehören.“ Das bedeutet nicht, dass Israel besser wäre als andere Völker. Es bedeutet: Ihr habt eine Aufgabe.
Ähnlich ist es bei den zwölf Aposteln. Jesus beruft sie nicht, weil sie besonders klug, heilig oder erfolgreich wären. Unter ihnen finden sich Fischer, ein Zöllner und ganz gewöhnliche Menschen. Berufung bedeutet nicht: „Du bist etwas Besonderes.“
Berufung bedeutet: „Ich traue dir etwas zu.“ Gott vertraut Menschen. Er nimmt gewöhnliche Menschen in seinen Dienst. Das kann Mut machen. Viele Christ*innen denken: „Für Glaubenszeugnis sind andere zuständig – Priester, Ordensleute oder besonders fromme Menschen.“ Doch die Bibel sagt etwas anderes: Jede*r Getaufte ist berufen. Und wir kennen das ja auch aus eigener Erfahrung: ganz oft wurde uns der Glaube in der Familie zuerst verkündet, von Müttern, Vätern, Großmüttern.
In der Zeichenhandlung werde ich Sie heute einladen, sich vor dem Lektionar zu verneigen. Das ist mehr als eine schöne Geste. Wir verneigen uns nicht vor einem Buch aus Papier. Wir verneigen uns vor dem Wort Gottes, das uns anspricht.
Die entscheidende Frage lautet: Traue ich Gott zu, dass er auch heute zu mir spricht?
Nicht nur zu Mose. Nicht nur zu den Aposteln. Sondern zu mir, wie ich heute gerade da bin.
Gott ruft uns nicht zu großen Heldentaten. Aber vielleicht ruft er uns zu mehr Geduld, mehr Versöhnung, mehr Aufmerksamkeit für einen Menschen, der unsere Hilfe braucht. Gottes Wort ist nicht nur zum Anhören da. Es möchte in unserem Leben Gestalt annehmen und Wirkung zeigen.
Jesus sendet die Jünger*innen aus mit dem Auftrag: „Verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ Das Reich Gottes beginnt dort, wo Menschen Liebe schenken, Hoffnung weitergeben und füreinander da sind. Die Jünger*innen werden nicht in ferne Länder geschickt. Zuerst gehen sie zu den Menschen in ihrer Umgebung.
Auch wir werden heute nicht in eine andere Welt gesandt. Wir gehen nach Hause, in unsere Familien, zu Nachbar*innen, Freund*innen und Arbeitskolleg*innen.
Genau dort sollen wir Zeug*innen Gottes sein. Nicht durch große Worte, sondern durch die Art, wie wir leben. Frére Roger, der Gründer von Taizé, ruft uns dazu auf. „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“
Amen.

