Christtag - Hochfest der Geburt Christi - 25.12.2025
Predigt am Christtag 2025
Wir stehen noch im Jahr der Hoffnung, das der inzwischen verewigte Papst Franziskus ausgerufen hat und das P. Leo XIV. am kommenden Sonntag zum Abschluss bringen wird.
Die ganze Bibel kann als ein Buch der Hoffnung gelesen werden, genauso wie sie ein Buch des Lebens ist, ein Buch des Glaubens, ein Buch der letztlich unfassbaren Liebe Gottes zu uns – und zu allem, was lebt.
Die ganze Bibel kann auch als ein Buch über das Wort gelesen werden – über das Wort Gottes und das Wort der Menschen, über Treue zum Wort und über Untreue dem Wort gegenüber.
Eben haben wir das klassische Evangelium vom Christtag gehört – den Johannes-Prolog! Was für eine Hymne auf das Wort, das Fleisch geworden ist. Was für eine festliche und feierliche Sprache…
Nie und nimmer hat Jesus in so einer theologischen Sprache geredet oder gar gepredigt. Er hat das in ganz einfacher Sprache getan. Er hat gerne Bilder aus der Natur verwendet, Gleichnisse und Geschichten aus dem Alltag…
Genau deswegen möchte ich heute einen Gegenakzent gegen das allzu Feierliche und Theologische setzen. Ich habe dazu eine Geschichte ausgewählt. Aufs Erste ist sie gar nicht weihnachtlich. Aber sie bleibt doch ganz bei ihm, der aus Liebe zu uns einer von uns geworden ist. Ich möchte damit in der Predigt einen etwas anderen Ton anschlagen. Ich tu das auch mit dem Blick auf die Feldkirchner Passionsspiele 2026 für die längst schon die Vorbereitungen und Proben laufen. Sie erinnern uns ja ganz konkret daran, dass Krippe und Kreuz zusammengehören, dass Weihnachten und Ostern nicht getrennt werden dürfen.
Die Geschichte, die ich ausgewählt habe, trägt den Titel: Das Jüngste Gericht - die Gerichtsverhandlung: Sie lenkt den Blick vom Anfang auf das Ende, von der Krippe über Ostern hin zum Endgericht. Die Geschichte geht so:
Am Ende der Tage versammelten sich Millionen von Menschen vor dem Thron Gottes. Viele von ihnen schauten unsicher und ängstlich in das helle Licht, das ihnen entgegen strahlte. Aber es gab auch Gruppen, in denen hitzig miteinander gesprochen wurde:
"Wie kann Gott über uns zu Gericht sitzen?" fragte ein Mädchen erregt und zeigte auf die eintätowierte Nummer aus dem KZ. "Was versteht er schon von unserem Leiden?" Und ein junger Afrikaner rief: "Ich bin gelyncht worden, nur weil ich schwarz bin. Auf Sklavenschiffen hat man mich und meine Freunde gebracht. Wie Tiere mussten wir arbeiten bis uns der Tod endlich die Freiheit geschenkt hat."
Es wurden immer mehr und immer lauter Klagen formuliert, Anklagen Gott gegenüber, warum er das Böse und das Leiden in der Welt zugelassen hatte. Gruppen wurden gebildet, die jeweils einen Sprecher wählten, nämlich jenen Menschen, der am meisten gelitten hatte. Da war ein Jude, ein Schwarzer, eine Inderin, ein Krebskranker, ein Opfer aus Hiroshima, jemand aus dem Archipel Gulag usw. Sie alle waren sich darin einig, dass Gott, bevor er sie richten dürfte, selbst zuerst einmal all die Leiden erdulden sollte, die sie erduldet hatten. Bald stand ihr Urteil fest: Gott sollte dazu verurteilt werden, ein Mensch zu werden und auf der Erde zu leben. Und da Gott ja Gott war, verkündeten sie noch folgende zusätzlichen Bedingungen:
- Er sollte keine Möglichkeit haben, sich selbst aufgrund seines Gottseins helfen zu können.
- Er sollte als Jude geboren werden.
- Seine biologische Herkunft sollte ungewiss sein, sein Vater unbekannt.
- Er sollte es versuchen müssen, den Menschen zu erklären, wer Gott sei.
- Er sollte von seinen engsten Freunden verraten werden.
- Er sollte aufgrund von falschen Zeugenaussagen angeklagt werden.
- Ein voreingenommenes Gericht sollte das Verhör durchführen und ein feiger Richter das Urteil verkünden.
- Er sollte es am eigenen Leib erfahren, was es heißt, völlig allein und von allen verlassen zu sein.
- Er sollte grausam gequält werden und dann sterben müssen und das am besten in aller Öffentlichkeit, so dass auch nicht der geringste Zweifel an seinem Tod aufkommen könnte.
- Bei seiner Hinrichtung sollte es eine Menge Zeugen geben.
Während dieses Urteil verkündet wurde ging ein Raunen durch die Menschenmenge. Und es folgte ein langes Schweigen…
Dann gingen alle, die Gott verurteilt hatten leise fort. Denn sie hatten plötzlich erkannt, dass Gott die Strafe in Jesus schon auf sich genommen hatte.
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er uns sein Liebstes, seinen Sohn gesandt hat. Er, Jesus, der Christus, hat diese Liebe gelebt von seiner Geburt an bis zu seinem Tod, von der Krippe bis zum Kreuz. Ihm sei Dank, Ehre und Anbetung, heute und in alle Ewigkeit. Amen.
Pfarrer Edi Muhrer