26. Sonntag i JK - 24.09.2022 - Was ist der Mensch?

1.
Da ist zuerst einmal der sog. reiche Prasser: Bedenke, Mensch! Du selbst bist dieser reiche Prasser!
Wenn du zufrieden bist und satt. Wenn du schon alles hast und daher nichts mehr brauchst. Wenn du dir selbst genügst. Wenn du sagst: Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich bin ich. Hinter mir die Sintflut! Dann bist du wie der reiche Prasser!
Freilich: Der Arzt Lukas wäre nicht Lukas, wenn er uns nicht auch einen Einblick in die Psyche des reichen Prassers gäbe! Was sehen wir, wenn wir ihm ins Herz schauen? Nichts! Wir sehen nichts, weil er herzlos ist. Weil es oft eine innere Leere gibt bei Menschen, die wie der reiche Prasser sind. Solche Menschen sind letztlich isoliert, auch wenn sie sich noch so sehr bemühen mit ihrem Reichtum Kontakte aufzubauen und Freundschaften zu gewinnen. Es muss wie die Hölle sein, wenn solche Menschen plötzlich den Graben entdecken, den tiefen, unüberwindlichen Graben zwischen sich und den anderen, auch zwischen sich und Gott. Sie selber haben diesen Graben gebaut. Sie selber haben die Grube gegraben, in die sie gefallen sind. Isoliert zu sein, getrennt zu sein von den anderen und auch von Gott, das muss wirklich die Hölle sein! Dort finden sie sich wieder, Menschen, die wie der reiche Prasser sind. Für sie gibt es scheinbar keine Hoffnung mehr…
2.
Im Gegensatz dazu gibt es den armen Lazarus: Bedenke, Mensch! Du selbst bist dieser arme Lazarus!
Lazarus, das sind die Menschen, die an ihren Wunden und Verwundungen leiden. Die Narben haben an Leib und Seele. Die leiden, weil sie out sind. Weil sie draußen bleiben müssen vor den Türen der Reichen. Weil sie keinen Platz finden in den Herzen ihrer Nachbarn und Nächsten. Und es gibt viele, viel zu viele, die draußen bleiben müssen wie Lazarus. Die nicht auf die Sonnenseite des Lebens gefallen sind sondern auf die Schattenseite: Die aber im Finstern sind, die sieht man nicht, die übersieht man so leicht…
Für sie ist das Evangelium eine echte Frohbotschaft: Während der Reiche anonym bleibt, ohne Namen und Gesicht, - vom Armen wissen wir den Namen, da haben wir ein konkretes Gesicht vor uns. Lazarus – einmal mehr gilt „nomen est omen“: Lazarus heißt ins Deutsche übersetzt: Gott erhört, Gott hat geholfen!
Und der biblische Lazarus ist ja eine echte Christusfigur: So wie er draußen vor der Tür des Reichen liegt, so ist Christus draußen vor den Toren der Stadt gekreuzigt worden. So ist auch der sog. „zweite Christus“, der hl. Franz von Assisi, beim Sterben nackt auf der Erde gelegen. Menschen sind also nicht nur wie der reiche Prasser. Menschen sind immer wieder auch wie der arme, nackte Lazarus!
3.
Die dritte Person, auf die wir wie in einem Spiegel schauen sollten, das ist eine ganze Gruppe - das sind die fünf Brüder des Reichen: Bedenke, Mensch! Du bist einer dieser fünf Brüder!
Der Reiche sagt zu Abraham: „Ich habe noch fünf Brüder. Schick Lazarus. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen!“
Es ist schon ein starkes Stück, wie der reiche Prasser noch aus dem Jenseits heraus versucht, den armen Lazarus zu instrumentalisieren - wie er versucht, Lazarus zu seinem Dienstboten und Sklaven zu machen. Er hat wirklich nichts gelernt!
Ich vermute, dass wir hier in der Kirche am ehesten wie diese fünf Brüder sind! Das Wort Gottes soll uns wachrütteln. Das Sonntagsevangelium mit seiner Geschichte soll uns warnen. Für uns hat Jesus diese Geschichte erzählt! Noch ist Zeit, Zeit etwas zu unternehmen. Noch ist Zeit sich zu besinnen. Noch ist Zeit unser Leben zu ändern. Wir sollten dafür aber nicht auf den berühmten Blitz von oben warten, schon gar nicht auf irgendein Wunder oder gar, dass einer der Verstorbenen erscheint und uns warnt.
Jesus hat schon genug getan.
Er hat uns sein Wort gegeben und das gilt: Ihr habt Mose und die Propheten. Auf die sollt ihr hören! Das muss genügen. In Jesus, dem Christus hat Gott uns sein letztes, sein alles entscheidendes Wort gesagt. Damit ist genug gesagt, damit ist alles gesagt. Dieses Wort muss genügen!
Ich finde, dass das zugleich auch eine gesunde Entlastung für uns ist: Wir brauchen und müssen nicht Erlöser spielen! Wir sind wichtig, ja, aber wir sollen uns auch nicht zu wichtig nehmen. Wir sind nicht der Erlöser. Und wir brauchen nicht „Gott“ spielen… Einer ist Gott. Und einer ist der Erlöser – Jesus, der Christus. Er hat genug getan!
Den fünf Brüder aber und uns allen gilt Jesu Wort: Ihr habt doch Mose und die Propheten. Das muss euch genügen. Auf die sollt ihr hören!“
- So ist es und damit: Amen.
Pfarrer Edi Muhrer