Ich bin wirklich!
Wie funktioniert eine Pfarrgemeinde? Wie kommt jemand, der oder die neu zugezogen ist, in eine christliche Gemeinschaft hinein?
In jeder Gruppe, in jedem sozialen Gefüge, auch in der Kirche laufen verschiedene Prozesse ab, die eine Gemeinschaft strukturieren und ordnen. Da gibt es die einen, die gerne das Wort ergreifen, mitteilsam sind, kontaktfreudig oder gerne leiten. Aber es gibt auch ganz andere, die unsicher sind, etwas introvertiert, schüchtern, zurückhaltend. Es gibt welche, die einfach anpacken und gleich zugreifen, wenn sie gefragt werden und ganz andere, die gerne über Probleme philosophieren und diskutieren. Manche sind unkompliziert und schnell für eine Aktion zu begeistern. Andere sagen: Wenn ich etwas angehe, dann will ich das gescheit machen, wirklich 100%!; und dann vielleicht nie dazu kommen sich zu engagieren.
Am 7. März 2027 werden in den Pfarrgemeinden in Österreich die Karten wieder neu gemischt (oder auch nicht). Am 7. März ist Pfarrgemeinderatswahl!
Das Gleichnis Jesu, das wir heute gehört haben, greift diese Entwicklung im Jüngerkreis Jesu, in der frühen christlichen Gemeinde, in der sogenannten Urkirche auf. Das, was Jesus in seinem Umfeld gar nicht kannte, und was die spätere Kirche zu einer wahren Meister-schaft entwickelt hat, ist die Strukturierung von Gemeinschaften durch eine Hierarchie (heilige Herrschaft). Jesus hat Apostel berufen, aber keine Päpste eingesetzt – auch keine Pfarrer. Er sagt im Matthäusevangelium drei Kapiteln nach dem heutigen Gleichnis: Ihr sollt euch nicht Rabbi (Meister) nennen lassen, denn nur einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder und Schwestern. (Mt 23,8) Oder 2 Kapiteln vorher auf die Frage, wer der Größte im Himmelreich ist, ruft er ein Kind und stellt es seinen Jüngern vor mit den Worten: Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. (Mt 18,4)
Diesen roten Faden der Praxis Jesu greift auch das heutige Gleichnis auf. Es will nicht beschreiben, wie ein Arbeitergeber den Lohn auszuzahlen hat. Es ist vielmehr eine Kritik an christliche Gemeinden, in denen sich Hierarchien bilden.
Dagegen protestiert Jesus und zeigt sehr drastisch, alle, die kommen und mittun, haben den gleichen Wert und dasselbe Recht. Vor Gott zählt nicht, wie lange einer dabei ist, wie fleißig eine war, sondern einfach das Dabeisein, das Dasein zählen. Auch die, die erst zur 11. Stunde kommen, im letzten Abdruck, haben dasselbe Ansehen. Das ist die Praxis Gottes. Gott rechnet mit anderen Maßstäben als wir.
Dazu noch eine Geschichte:
Eine Familie versammelte sich an einem Sonntag, um den 80. Geburtstag des Opas festlich zu begehen. Alle trafen sich in einem hübschen Gasthaus und der ganze Gastgarten war für sie reserviert. Auch der kleine Fritz mit 7 Jahren war dabei, als Jüngster. Die Kellnerin kam und nahm die Bestellung der Erwachsenen auf, und begann natürlich beim Geburtstagskind, beim Opa, beim Ältesten. Und ganz zum Schluss kam sie auch zu Fritz und fragte: Und, was möchtest du gerne essen? Fritz war etwas schüchtern und sagte ganz leise: Ich will ein Hotdog!
Nein, sagte die Mutter, heute an diesem Festtag, isst du was Gescheites. Wiener Schnitzel – hast eh so gerne - . Also bringen Sie ihm Wiener Schnitzel mit Erbsenreis und ein bisschen Brokkoli. Gemüse ist ja so gesund.
Die Kellnerin ging nicht auf die Intervention der Mutter ein und fragte Fritz seelenruhig: Willst du Ketchup oder Mayo zum Hotdog! Beides bitte, sagte Fritz. Sehr gut, sagte die Kellnerin, in fünf Minuten hast du dein Hotdog. Kinder bekommen bei uns immer als erstes ihr Menü.
Als die Kellnerin gegangen war, war es still am Tisch. Verwundert, leicht verärgert blickten Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins drein. Da meldete sich plötzlich Fritz – diesmal gut hörbar – zu Wort: Wisst ihr was, die Kellnerin denkt: Ich bin wirklich!
Genauso ist es bei den Arbeitern im Weinberg – für den Gutsherrn, der für Gott steht, sind alle wirklich und wertvoll.
Darum fragen wir uns jetzt im Vorfeld unseres Pfarrverbandfestes am 4. Oktober: Was brauchen die Menschen in Eggenberg und Wetzelsdorf? Unsere Nachbar:innen sollen für uns als Schüler:innen Jesu immer mehr wirklich werden. Nehmen wir ihre Ängste, Freuden, Hoffnungen und Fragen wahr. Dann bauen wir auch bei uns am Reich Gottes, an der neuen Welt seiner Gerechtigkeit mit. Da werden Letzte Erste sein und Erste Letzte. AMEN!