Du bist mir nicht egal!
„Du bist mir nicht egal!“ Dieser Satz ist mir beim Lesen der heutigen Bibeltexte immer wieder durch den Kopf gegangen.
Der Prophet Ezechiel wird als Wächter eingesetzt. Das klingt nach Kontrolle: Einer schaut darauf, ob die anderen richtig leben. Aber wir können den Wächter auch als Hüter verstehen. Als jemanden, der aufmerksam ist, der wahrnimmt, wenn etwas aus dem Lot gerät. Der nicht wegschaut, wenn ein Mensch sich oder andere verletzt. Nicht weil er besser ist, sondern weil ihm der andere nicht egal ist – wie Gott es ihm ja aufgetragen hat.
Du bist mir nicht egal!
Auch im Evangelium geht es darum, einen Menschen anzusprechen, wenn etwas zwischen uns steht. Jesus sagt einen entscheidenden Satz: „Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder bzw. deine Schwester zurückgewonnen.“ Zurückgewonnen! Nicht: Dann hast du gewonnen. Nicht: Dann hast du bewiesen, dass du recht hast. Sondern: Du hast einen Menschen zurückgewonnen.
Unmittelbar davor erzählt Matthäus vom verlorenen Schaf, dem nachgegangen wird. Unmittelbar danach fragt Petrus, wie oft er vergeben muss.
Das heutige Evangelium steht also zwischen Nachgehen und Vergeben, und das verändert seinen Klang.
Denn sobald von „Sünderinnen und Sündern“ die Rede ist, besteht eine Gefahr: Wir wissen ziemlich schnell, wer damit gemeint ist: Die anderen.
Menschen, deren Leben uns fremd ist. Die anders denken, anders glauben, anders lieben. Gerade LGBTIQA+-Personen haben das auch in der Kirche oft genug erlebt. Ihnen wurde gesagt: Du bist falsch. Deine Liebe ist falsch. Du musst dich ändern, dann kannst du dazugehören. Viel zu oft wurde dafür sogar die Bibel missbraucht.
Deshalb stelle ich angesichts des heutigen Evangeliums die Frage: Geht es wirklich darum, einen Menschen zurückzugewinnen – oder geht es darum, ihn so zu machen, wie wir ihn gerne hätten? „Du bist mir nicht egal“ kann niemals bedeuten: Deshalb bestimme ich, wie du leben musst.
Es müsste heißen: Du bist mir nicht egal. Deshalb interessiert mich dein Leben, deine Freude, deine Angst, deine Verletzungen, deine Würde.
Damit sind wir wieder bei Ezechiel und bei der Verantwortung füreinander.
Denn es gibt auch ein Schweigen, das nicht neutral ist. Wenn Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Identität abgewertet werden, wenn rechte Parolen Menschen gegeneinander ausspielen, dann braucht es Menschen, die nicht wegschauen. Menschen, die widersprechen. Nicht als selbsternannte Richter*innen, sondern als Hüter*innen der Würde des anderen. Und noch etwas fällt im Evangelium auf: Jesus sagt nicht: Rede über den anderen. Er sagt: Rede mit ihm. Er schlägt den schwierigeren Weg vor: miteinander reden, zuhören, auch widersprechen. Und damit rechnen, dass auch ich etwas zu hören bekomme. Denn die Rollen sind nicht eindeutig verteilt: Hier die Wächter*innen – dort die Sünder*innen. Manchmal gehe ich einem Menschen nach, aber manchmal brauche ich jemanden, der mir nachgeht und sagt: Schau noch einmal hin. Du bist mir nicht egal!
Vielleicht braucht unsere Kirche, vielleicht braucht unsere Gesellschaft weniger Menschen, die darüber wachen, ob die anderen richtig leben – und mehr Hüter*innen: Menschen, die aufmerksam füreinander sind. Die widersprechen, wenn andere ausgegrenzt werden. Die miteinander reden statt übereinander.
Und die niemanden vorschnell verloren geben. Denn darum geht es Jesus: nicht darum, Recht zu behalten, sondern darum, Menschen zu gewinnen.
Du bist mir nicht egal!
Vielleicht ist das eine ziemlich gute Übersetzung für Nächstenliebe. Amen.