Denkmal und Name
„Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.“ Hinter diesem Satz aus der ersten Lesung steckt eine erstaunlich weite Vorstellung von Gott. Der Beginn des 56. Jesajakapitels macht deutlich: Gottes Heil ist für alle da. Die Zugehörigkeit zu Gott entscheidet sich nicht an Herkunft oder Nationalität. Entscheidend ist vielmehr, wie ein Mensch lebt und handelt. Ein Vers, der in unserer heutigen Lesung leider ausgelassen wird, bringt diesen Gedanken besonders schön zum Ausdruck. Da sagt Gott: „Ihnen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern Denkmal und Namen. Das ist mehr wert als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich einem jeden, der nicht ausgetilgt wird.“ (Jesaja 56,5) Ein Name, der nicht ausgelöscht wird. Dieser Vers hat bis heute eine ganz besondere Bedeutung. Der Name der Gedenkstätte für die Opfer der Shoah in Jerusalem leitet sich davon ab: Yad Vashem – „Denkmal und Name“. Die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie versuchte, Menschen ihrer Würde und ihrer Identität zu berauben. Menschen wurden zu Nummern gemacht, ihre Namen sollten verschwinden. Yad Vashem setzt dem das Erinnern entgegen. Namen werden bewahrt, gesammelt, ausgesprochen und ins Gedächtnis zurückgeholt. Dahinter steht eine Hoffnung, die schon Jesaja ausdrückt: Bei Gott geht kein Mensch vergessen. Bei Gott ist niemand nur eine Nummer. Jede und jeder hat einen Namen. Und Jesaja geht noch einen Schritt weiter. Dieses Haus Gottes, von dem er spricht, soll offen sein: „Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.“ In Berlin versucht man, diesem Gedanken heute sogar Gestalt zu geben. Dort entsteht das House of One: ein Haus, in dem Judentum, Christentum und Islam ihren Platz haben sollen – mit Synagoge, Kirche und Moschee als eigenen Gebetsräumen und einem gemeinsamen Raum in der Mitte, in dem Menschen einander begegnen, miteinander reden und voneinander lernen können. Auch Menschen ohne Religionszugehörigkeit sollen dort willkommen sein. Ein Haus des Gebetes und ein Haus der Begegnung. (https://house-of-one.org/)
Das klingt erstaunlich nahe an Jesaja: Verschiedenheit muss nicht aufgehoben werden. Menschen müssen nicht alle gleich glauben, gleich denken oder gleich leben, um einander Raum zu geben. Gottes Haus ist groß genug für die Verschiedenheit der Menschen.
Das Evangelium führt diesen Gedanken auf überraschende Weise weiter. Eine kanaanäische Frau, eine Fremde, eine, die nicht zum Volk Israel gehört, wird Jesus zum Gegenüber. Und am Ende sagt er ausgerechnet zu ihr: „Frau, dein Glaube ist groß.“ Nicht ihre Herkunft zählt. Nicht ihre religiöse Zugehörigkeit. Jesus sieht ihren Glauben, ihr Vertrauen, ihre Beharrlichkeit. Das fordert auch unseren Blick heraus. Denn wir Menschen ziehen schnell Grenzen. Wir unterscheiden zwischen denen, die dazugehören, und denen, die draußen stehen. Zwischen vertraut und fremd. Zwischen denen, die unseren Vorstellungen entsprechen, und denen, bei denen wir uns schwertun. Die heutigen Schrifttexte halten dagegen: Gott ist größer als unsere Grenzen.
Bei ihm hat jeder Mensch eine unverwechselbare Würde, eine Geschichte, einen Platz. Da schließt sich auch der Kreis zu dem Gedanken, mit dem wir diesen Gottesdienst begonnen haben: ganz auf Gott setzen, ihm unser Leben anvertrauen. Wer auf diesen Gott setzt, vertraut auch darauf, dass sein Herz weiter ist als unseres. Dass sein Heil niemanden ausschließt. Und dass er uns zutraut, unsere eigenen Grenzen immer wieder zu hinterfragen und unseren Blick zu weiten. Denn bei Gott wird niemand vergessen. Bei ihm hat jeder Mensch einen Namen.