Kinder des Ehrenwerten
Liebe Feiergemeinde
wir feiern heute CSD-Prayer und bald den CSD. Für viele von uns ist dieser Tag ein Fest voller Farben, Lebensfreude und Gemeinschaft. Die Community wird spürbar. Ein Tag, an dem wir zeigen: Wir sind da, wir sind bunt und wir gehören dazu.
Aber der CSD ist oft auch ein Tag, an dem eine tiefe Sehnsucht spürbar wird. Die Sehnsucht, einfach so angenommen zu werden, wie wir eben sind. Ohne Angst vor Ablehnung, ohne uns erklären oder verstecken zu müssen.
Unsere heutige Bibelgeschichte führt uns genau zu dieser Sehnsucht. Sie erzählt von Bartimäus. Er sitzt am Rand der Straße in Jericho.
Timäus: Ein griechischer Name, der „der Ehrenwerte“ oder „der Angesehene“ bedeutet (von griechisch timé = Ehre/Wert).
Die Namensbedeutung ist ein interessantes Wortspiel im Markusevangelium. Bartimäus sitzt als armer, blinder Bettler am Straßenrand – das genaue Gegenteil von jemandem, der gesellschaftlich „ehrenwert“ oder „angesehen“ ist.
Er erlebt Tag für Tag das, was wehtut: Er gehört nicht richtig dazu. Die Welt zieht an ihm vorbei, und er bleibt unsichtbar im Schatten sitzen.
Und dann hört Bartimäus, dass Jesus vorbeikommt. In diesem Moment flammt in ihm eine Hoffnung auf. Er spürt: Da ist jemand, der die Welt anders sieht. Jemand, bei dem die Uhren der Liebe anders ticken. Und so ruft er aus tiefster Seele:
„Jesus, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
Es ist ein Ruf nach Zuwendung. Doch die Menschen um ihn herum reagieren abweisend. „Sei still!“, sagen sie. „Mach dich nicht so wichtig. Stör den Ablauf nicht.“ Ein Mensch mit Beeinträchtigung damals wurde als jemand verstanden, der selbst oder dessen Ahnen gesündigt haben müssen. Deshalb leidet er, ist ausgeschlossen, hat keine Perspektiven.
Vielleicht kennen einige von uns dieses Gefühl. Das Gefühl, dass einem signalisiert wird: „Deine Art zu lieben, deine Identität – nimm dich damit bitte nicht so wichtig. Leb das doch lieber leise im Privaten.“ Das tut weh. Es gibt eine feine, leise Ausgrenzung, die uns das Gefühl gibt, am Rand sitzen bleiben zu müssen.
Aber Bartimäus lässt sich diese Hoffnung nicht nehmen. Er ruft noch einmal. Nicht aus Trotz, sondern weil die Sehnsucht nach Leben und Heilung in ihm so groß ist.
Und dann passiert das Schönste in dieser ganzen Geschichte. Der Text sagt ganz schlicht: Da blieb Jesus stehen.
Jesus geht nicht weiter. Er lässt sich unterbrechen. Für Jesus ist dieser Mann am Rand kein Störfaktor, sondern ein unendlich wertvoller Mensch. Jesus wendet sich ihm zu und bittet die anderen: „Ruft ihn her zu mir.“
Und plötzlich verändert sich die Atmosphäre in der Crowd. Die Menschen, die eben noch gesagt haben: „Sei still“, werden nun zu Boten der Hoffnung. Sie sagen zu Bartimäus: „Nur Mut! Steh auf, Jesus ruft dich!“
Das ist das, was wir uns auch heute füreinander wünschen: eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig Mut zuspricht… Auch eine Kirche, die sagt: „Steh auf, komm ins Licht, du bist gerufen – genau so, wie du bist.“
Was dann geschieht, ist ein wunderbares Bild für ein Coming-out der Seele: Da warf er seinen Mantel zur Seite, sprang auf und kam zu Jesus.
Sein Mantel war alles, was er hatte. Er gab ihm Schutz, aber er hielt ihn auch in seiner Rolle als Bettler fest. Bartimäus wirft diesen Mantel ab. Er lässt die alte Schutzhülle, die ihm zugewiesene Identität der Schwäche, hinter sich. Er zeigt sich verletzlich, aber aufrecht. Er geht den Schritt ins Sichtbare.
Als Bartimäus vor Jesus steht, bevormundet Jesus ihn nicht. Er sagt nicht: „Ich weiß schon, was du brauchst.“ Er fragt auf Augenhöhe: „Was soll ich für dich tun?“
Jesus nimmt ihn als Subjekt ernst, als das, was er ist, nämlich entsprechend seinem Namen, Bartimäus, ein „Sohn des Ehrenwerten“, ein Kind Gottes. Und Bartimäus sagt: „Ich möchte sehen können.“ Er will die Welt sehen, wie sie ist, und er will selbst gesehen werden. Er will Teil der Gemeinschaft sein, nicht mehr der Außenseiter am Rand.
Was für eine Frage! Sie gilt heute auch uns. Was brauchst du? Was sehnt sich in dir nach Heilung? Und damit meine ich nicht unsere sexuelle Neigung, denn die ist angeboren, natürlich. By the way: Die Konversionstherapien gehören endlich abgeschafft!!! Das ist ein Greuel in den Augen Gottes, um es biblisch auszudrücken.
Jesus antwortet: „Geh! Dein Glaube hat dich geheilt.“ Oder man könnte übersetzen: Dein Vertrauen, deine Kraft, dein Mut, nicht den Mund zu halten, hat dich gerettet.
Was nehmen wir mit in diesen CSD?
Liebe Mitfeiernde, Jesus sagt zu ihm: „Dein Glaube – dein Vertrauen – hat dich geheilt.“ Im selben Augenblick konnte er sehen und ging mit Jesus.
Diese Geschichte schenkt uns drei leise, aber kraftvolle Wahrheiten:
- Sei sichtbar! Hab Mut laut zu sein, auch wenn dir andere den Mund verbieten wollen.
- Du wirst gesehen. Bei Gott sitzt niemand im Schatten. Gott sieht dein Herz, deine Liebe und deine Identität und sagt: Es ist sehr gut.
- Du darfst den Mantel ablegen. Den Mantel der Verstellung, den Mantel der Scham oder der Angst, nicht zu genügen. Du darfst im Licht stehen.
- Wir sind nicht allein am Rand. Jesus geht den Weg mit uns. Er verwandelt unsere Räume der Unsicherheit in Orte der Begegnung und der Heilung.
Lassen wir uns heute von dieser liebevollen Zusage berühren. Gehen wir getröstet, aufrecht und voller Vertrauen in diesen Tag – im Wissen, dass wir bedingungslos geliebt sind, Kinder des „Ehrenwerten“.
Amen.