Absichtslos werden
Es gibt Begegnungen, die einfach gut tun. Nicht, weil sie spektakulär wären. Nicht, weil große Worte fallen. Sondern, weil ich spüre: Dieser Mensch will nichts von mir: Keine Gegenleistung, kein Lob, keinen Gefallen. In den letzten Wochen hatte ich immer wieder solche Begegnungen: ein freundliches Lächeln, ein kurzes, aber gehaltvolles Gespräch, spannende Menschen, die ich kennenlernen durfte. Solche Begegnungen und solche Menschen sind kostbar. Papst Leo hat es am Mittwoch bei einem Treffen mit Schriftsteller*innen so formuliert: ” „Gott offenbart sich in menschlichen Geschichten, … er spricht durch Fakten und Begegnungen, Gesichter und Geschichten.“
Doch unsere Welt funktioniert meistens anders: Fast alles hat einen Zweck, fast alles wird berechnet. Wir fragen oft – manchmal ganz unbewusst: Was bringt mir das? Lohnt sich das? Was bekomme ich dafür zurück? Sogar Freundlichkeit kann zur Strategie werden.
Umso mehr berührt mich die Frau aus Schunem in der ersten Lesung. Sie lädt den Propheten zum Essen ein und sagt zu ihrem Mann: „Lass uns ein kleines Zimmer für ihn bauen.“ Das Erstaunliche ist: Sie verlangt nichts. Kein Wunder, keine Heilung, keine besondere Aufmerksamkeit. Sie tut einfach das Gute, das gerade möglich ist, weil sie erkannt hatte, dass Elischa ein Mann Gottes ist.
Im Evangelium klingt dieselbe Haltung an. Jesus spricht vom Aufnehmen. Wer einen Propheten aufnimmt. Wer einen Gerechten aufnimmt. Wer einem dieser Kleinen einen Becher frisches Wasser gibt. Ein Becher Wasser. Gerade in diesen Tagen bekommt dieses Bild ein besonderes Gewicht. Wenn draußen die Hitze drückt und Temperaturen weit über 30 Grad steigen, dann ist ein Glas kaltes Wasser eine Wohltat. Es ist eine kleine Geste. Und doch kann sie einem Menschen richtig guttun. Sie sagt: Ich habe dich gesehen. Du bist mir nicht gleichgültig.
Dann stehen am Anfang des Evangeliums diese harten Worte: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Diese Worte erschrecken zunächst. Aber Jesus will Familien nicht gegeneinander ausspielen. Er spricht von Freiheit. Denn auch Liebe kann Besitz werden. Auch Beziehungen können Erwartungen aneinander ketten. Jesu Liebe ist anders. Sie hält den anderen nicht fest. Sie fragt nicht zuerst: Was habe ich von dir? Sondern: Was brauchst du? Das ist die Freiheit der Liebe Gottes.
Genau diese Freiheit brauchen wir heute besonders. Am Dienstag feierten wir in der Heilandskirche einen ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Christopher Street Day. Die Kommentare in den sozialen Medien sind teilweise hasserfüllt und menschenverachtend. Als Christ*innen müssen wir nicht jede Meinung teilen. Aber das Evangelium verbietet uns, einem Menschen seine Würde abzusprechen. Jesus beginnt nicht mit einer Diskussion. Er beginnt mit einem Becher Wasser. Mit Gastfreundschaft. Mit der Bereitschaft, den anderen zunächst als Menschen zu sehen. Wo andere Hass säen, können wir Respekt säen. Wo Menschen verächtlich übereinander reden, können wir freundlich bleiben.
Nicht weil wir Konflikte scheuen, sondern weil wir Christus nachfolgen. Ich gebe Ihnen für heute und die kommende Woche eine Frage mit: Wem könnte ich in dieser Woche einen Becher Wasser reichen? Vielleicht wörtlich genommen: Dem Paketboten, der bei dieser Hitze von Haus zu Haus fährt. Der Frau, die erschöpft auf der Parkbank sitzt. Dem Handwerker, der in der Sonne arbeitet. Vielleicht aber auch im übertragenen Sinn: Jemandem zuhören, statt sofort zu widersprechen. Eine versöhnliche Nachricht schreiben, statt einen scharfen Kommentar. Den Kollegen wahrnehmen, der sonst übersehen wird. Der Nachbarin freundlich begegnen, obwohl wir unterschiedlicher Meinung sind. Das alles sind Becher Wasser. Kleine Gesten. Absichtslos. Nicht, weil wir dafür gelobt werden. Nicht, weil wir etwas zurückbekommen. Sondern weil Gott uns zuerst so begegnet ist. Er schenkt uns seine Liebe, ohne Vorleistung, ohne Berechnung, ohne Hintergedanken. Wenn uns das gelingt, auch als Kirche gelingt, dann spüren Menschen: Diese Person will nichts von mir. Sie meint es einfach gut! Amen.