Einen Blick riskieren
Kennt zufällig jemand die Serie "The Chosen" (dt. Die Auserwählten)? In dieser Serie geht es um das Leben der Menschen, die Jesus auf verschiedenste Weise in seine Nachfolge gerufen hat und man merkt schnell, das waren Menschen wie du und ich. Seit ich die Serie "The Chosen" schaue, ist mir Matthäus ganz besonders ans Herz gewachsen. Ich nenne ihn sogar meinen Liebling. ;-)
Durch die Serie ist mir bewusstgeworden, dass Matthäus wahrscheinlich nicht nur von den Pharisäern verachtet war. Von den Römern wurde er verachtet, weil er ein Jude war. Und von seinem eigenen Volk, den Juden – und vielleicht sogar von seiner eigenen Familie, wurde er als Verräter gesehen und verstoßen, weil er ein Zöllner war, der für die Römer arbeitet. Man möchte denken, dass dieses schreckliche Gefühl, nirgends dazuzugehören und nirgends willkommen zu sein, nun endlich ein Ende hatte, als er von Jesus berufen wurde. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass nicht mal die anderen Jünger sonderlich begeistert waren, als Jesus Matthäus direkt von seiner Arbeit an der Zollstation wegberufen hat. „Waaaas, der soll einer von uns werden? Mit dem wollen wir nichts zu tun haben! Der hat uns immer abgezockt, als wir noch Fischer waren!“
Das ist der Blick der Menschen auf den Matthäus. Und es wundert einem nicht, dass der barocke Künstler Caravaggio ihn in seinem Gemälde „Berufung des heiligen Matthäus“ mit gesenktem Blick darstellt, ganz in sich selbst verkrümmt, die Hände schützend über das Geld gelegt. Das Geld ist es, dass ihm Halt und Sicherheit gibt. Der Blick der Menschen ist nur verurteilend. Doch dann passiert etwas, das sein Leben verändert. Es betritt einer den Raum, der ihn mit einem anderen Blick ansieht. Mit einem Blick, der heilt und neu schafft. Jesus zeigt in dem Gemälde auf Matthäus mit der gleichen Handhaltung, die wir von Michelangelos „Erschaffung des Adam“ kennen. Jesus, das Wort Gottes, hat schöpferische Kraft und in dem er zu Matthäus spricht „komm und folge mir nach“ schafft er ihn gewissermaßen neu. Jetzt kann er seinen Blick heben und den Blick Jesu erwidern. Er zeigt ganz erstaunt auf sich selbst „Ich? Wirklich?“ Jetzt ist Matthäus der Mann, in der Mitte auf dem Gemälde. Er kann seinen Blick abwenden von dem, was ihn gefangen hält und er kann Jesus anschauen und mit ihm in Beziehung treten.
Ich möchte mit euch noch ein bisschen über dieses „Sich Anblicken“ nachdenken. Wenn ich jemanden offen Anblicke, mache ich mich verletzlich. Die andere Person kann in meinen Augen meine Gefühle lesen, kann lesen, wie es mir geht, kann lesen, wie ich zu ihr stehe. Ein Blick von jemanden kann meinen Tag mit Freude erfüllen. Blicke können aber auch töten. Wenn ich mich mit jemanden gerade schwertue, meide ich Blickkontakt. Ich habe dann irgendwie Angst davor, was ich im Blick des anderen sehen könnte oder was die andere Person in meinem Blick sehen könnte. Wenn ich jemanden Anblicke, mache ich mich verletzlich.
Jesus blickt Matthäus an und macht sich dadurch für ihn verletzlich. Es liegt in diesem Blick die ganze Liebe Gottes. Aber er weiß nicht, wie Matthäus auf diesen Blick antworten wird. Ein Blick baut eine Brücke zum anderen. Aber Jesus weiß nicht, ob Matthäus über diese Brücke gehen wird, oder ob sein Blick verschlossen bleiben wird. Jesus geht dieses Risiko ein. Und er geht auch mit uns jeden Tag neu dieses Risiko ein. Er blickt uns Tag und Nacht an und wartet geduldig, bis wir bereit sind, seinen Blick zu erwidern, bis wir bereit sind, über diese Brücke des Blickes zu ihm zu gehen und uns davon verwandeln zu lassen.
Damit das nicht nur Theorie bleibt, lade ich euch ein, dass wir kurz innehalten und uns dem Blick Jesu zuwenden, so wie wir uns einem Sonnenstrahl zuwenden. Wenn du magst, kannst du dafür die Augen schließen. Stell dir vor, dass Jesus jetzt bei dir ist und dich mit einem liebevollen Blick anschaut. Es ist ein Blick, der den ganzen Schatz sieht und kennt, den dein Schöpfer in dich hineingelegt hat. Ich bete vor, und wenn du magst und es für dich passt, kannst du in deinem Herzen mir nachsprechen, gerne auch in deinen eigenen Worten:
Jesus, danke, dass du da bist.
Du bist ein Gott, der mich sieht.
Du hast deine Augen stets auf mich gerichtet.
Deine Gnade findet mich in jeder Situation meines Lebens.
Ich öffne mich für deinen Blick.
Kurze Stille.
Wenn wir aus diesem Blick Jesu auf uns leben, dann lernen wir auch, mit seinem Blick auf andere zu schauen.
Ich verteile ja gerne Hausaufgaben bei meinen Predigten: Ich lade euch ein, heute auf dem Heimweg bewusst Menschen, die euch begegnen, liebevoll anzuschauen, anzulächeln, wahrzunehmen. Es hatte bei Matthäus eine verwandelnde Wirkung und es hat auch in unserer Umgebung eine verwandelnde Wirkung.
Das ist Level eins der Hausaufgabe. Für alle, die bereit sind für mehr Herausforderung, gibt es noch ein Level zwei: denke mal darüber nach, ob es in deiner Umgebung jemanden gibt, dem oder der du schon länger nicht mehr offen in die Augen schauen konntest. Dann bitte Jesus um ein gutes Wort und einen liebevollen Blick für diese Person und dann gib deinem Herzen einen Ruck und geh das Risiko ein. Versuche mit einem liebevollen Blick eine neue Brücke zu dieser Person zu bauen. Vielleicht gelingt es und es endet wie bei Jesus und Matthäus mit einem Festmahl. Vielleicht braucht es auch mehrere Anlaufversuche. Wer andere offen anblickt, macht sich verletzlich. Aber das Risiko lohnt sich. Amen.