Was wäre, wenn...?
Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit der Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Gen 11,4
Die haben Energie. Die wollen alles auf die Spitze treiben. Skyscraper – Wolkenkratzer sollen gebaut werden. Damit werden sie dann bekannt, damit werden sie berühmt, damit sind sie nicht mehr zu übersehen. Ansehen, Macht, Ehre treibt die Menschen an und letztlich auch der Wunsch nach Gemeinsamkeit. Wie kommt es zu Erfolgsgeschichten, zu echtem Fortschritt?
Fritz, für mich stellt sich im Zusammenhang dieser Turmbaugeschichte, die auch als Sündenfallsgeschichte eingeordnet wird von vielen Theologen, die Frage: Warum ist Gott so eifersüchtig auf den Menschen? Warum lässt Gott den Turmbau nicht zu? Fürchtet er um seine Macht, um seine Allmacht? Muss er den Menschen niederhalten, damit er nicht aus seinem Himmel vertrieben wird?
Wir selbst können uns fragen:
Bringen uns Schwierigkeiten voran? Was wäre, wenn dieses Experiment gelungen wäre mit dem Turmbau? Gebe es dann die eine Menschheit mit einer Sprache, als ein Volk geeint? Wäre dann nicht alles besser? Warum gönnt uns Gott den Erfolg nicht? Was treibt Gott an zu seinem „Dazwischenfunken“? Ist das Himmel oder Hölle? Rettet er auf diese Weise die Menschen vor sich selbst?
Was meinst du? Warum lesen wir gerade zu Pfingsten diese Geschichte als erstes? Kann uns dieses Fest Antworten auf die vielen Fragen liefern, die aus dem anscheinend gestörten Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch kommen?
Ich will mit euch bei der Frage bleiben
– weil ich glaube, dass genau da,
in dieser Ungelöstheit, Pfingsten anfängt.
Schaut euch diese Menschen in Babel an.
Sie wollen einen Namen. Einen Ort. Zusammenhalt.
Die Sehnsucht, nicht zerstreut zu sein – die kennen wir alle. Deswegen sind wir hier: Evangelisch und katholisch, unter einem Dach
Babel scheitert.
weil dieser Turm von unten nach oben gebaut wird.
Aus Angst. „Damit wir uns nicht zerstreuen."
Die Stadt, der Turm, der Name – alles ist Antwort auf eine Angst. Einheit als Projekt der Selbstbehauptung.
Als Schutzwall gegen das Chaos.
Und Gott sagt: Das trägt nicht.
Ich kenne diese Angst aus unseren Kirchen sehr gut.
Die Statistiken kennen wir alle.
In Österreich – wie in ganz Europa – treten Menschen aus. Nicht nur junge.
Mittlerweile gehen Menschen in der Mitte des Lebens. Leute, die jahrelang sich engagiert haben
Und viele, die äußerlich noch da sind
– aber mit einem Fragezeichen im Herzen.
Was haben wir als Antwort darauf versucht?
Manche von uns haben höhere Türme gebaut.
Bessere Programme. Professionelleres Marketing. Ansprechendere Websites. Und das ist nicht falsch.
Aber wenn dahinter die Angst steht
– damit wir uns nicht zerstreuen – dann ist es Babel.
Dann bauen wir für uns, nicht für die, die draußen stehen.
Und dann gibt es die anderen Versuche.
der queere Kreuzweg, den wir gemeinsam gefeiert haben. Menschen, die von der Kirche verletzt wurden, merken: Dieser Jesus kennt selbst Ausgrenzung.
Das ist Theologie.
Oder Schöpfungsgottesdienste draußen, im Freien, zwischen Bäumen. Menschen, die längst nicht mehr in die Kirche kommen – aber in die Natur. Die suchen eine Sprache dafür. Und wenn wir ihnen eine anbieten, die nicht nach Mottenkugeln riecht, hören sie zu.
Und die Sommerkirche – der offene Raum, keine Erwartung, einfach: komm, wenn du willst. Sitz.
Schau. Atme. Komm einfach.
Das sind keine Lösungen. Aber das sind Türen.
Und diese Vigil heute Nacht ist auch eine.
Ich bin zum ersten Mal –liturgisch - dabei
Diese Form – das Feuer, die Kerze, der Weihrauch, das Warten in der Nacht – das ist in meiner Kirche verloren gegangen. Wir haben das Warten verlernt.
Wir wollten es immer schon hell haben.
Immer schon gewiss. Immer schon fertig.
Und vielleicht ist das auch eine Art Turmbau.
Dass wir meinen, wir brauchen kein Dunkel.
Kein Noch-nicht. Keine Schwelle.
Heute lerne ich von euch: Es gibt ein heiliges Innehalten.
Ich lerne es nicht trotz der Ökumene – sondern durch sie. Wir haben etwas, das der andere nicht mehr hat.
Wir haben etwas, das wir zusammen erst wieder entdecken.
Babel trennt die Sprachen. Pfingsten gibt sie zurück
– aber anders.
Nicht als eine einzige, kontrollierte Einheitssprache. Sondern als viele, die einander plötzlich verstehen.
Was wäre gewesen, wenn Babel gelungen wäre, fragst du, Wolfgang.
Ich glaube: Dann hätten wir einen sehr großen Turm.
Und einen sehr kleinen Gott.
Pfingsten gibt uns etwas anderes.
Gemeinschaft durch Feuer.
Durch ein Brausen, das niemand organisiert hat.
Durch Menschen, die einander verstehen
– obwohl oder gerade weil sie verschieden sind.
Das feiern wir noch nicht. Wir stehen auf der Schwelle.
Aber das Warten – das fangen wir jetzt gerade an.