Licht der Welt sein
Was ich von meinen Lampen gelernt habe
Vor elfeinhalb Jahren bin ich nach Graz gezogen in die Wohnung, in der ich jetzt auch noch lebe. Vom ersten Tag an haben mich die Deckenlampen gestört, die dort montiert sind. Sie sehen weder optisch schön aus, noch machen sie ein schönes Licht. In den letzten Monaten hat es mir gereicht und ich habe mit meinem Bruder Pläne für neue Lampen geschmiedet. Inzwischen habe ich echt coole, einzigartige Lampen aus Ästen vom Kastanienbaum meines Onkels mit Leuchten drauf, die sehr schönes Licht machen. Mein halbes Umfeld war inzwischen schon mit einbezogen und hat irgendeinen Beitrag geleistet, bis dieses Werk vollbracht war. Und ich bin sehr glücklich darüber.
Aber gehen wir nochmal zurück zu den hässlichen Lampen. Es war für mich echt ein Aha-Moment, als wir die Abdeckung dieser Lampen runtergenommen haben. Plötzlich erstrahlte der ganze Raum in neuem Licht und ich habe mir gedacht: Warum war diese hässliche Abdeckung da drauf? Sie hat das Licht nur beim Leuchten gestört. Der Designer dieser Lampen hat wohl noch nie etwas von unserem heutigen Evangelium gehört: Man zündet nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber…
Jesus erinnert uns heute daran, dass das, was für diese Lampen gilt, auch für uns gilt: du trägst ein Licht in dir, lass es leuchten!
Was hindert uns daran?
Weißt du, dass ein Licht in dir leuchtet?
Vielleicht sind wir uns manchmal gar nicht bewusst, dass wir dieses besondere Licht in uns tragen. Aber Jesus selbst spricht es uns zu: “Ihr seid das Licht der Welt.” (Mt 5,14) Wir sind Tempel des Heiligen Geistes. (1 Korinther 6,19) Gott wohnt in dir. Glaubst du das? Wenn wir das wirklich glauben, verändert das unser Denken über uns selbst und über die Auswirkung, die allein unser Dasein hat. Wo wir hinkommen, wird es hell, weil Gott in uns wohnt.
Es geht nicht um dich
Jetzt denkst du vielleicht: Nein, so überheblich möchte ich nicht sein und so wichtig möchte ich mich nicht nehmen! Ich kann dich beruhigen, es geht nicht um dich. :-) Es geht keinesfalls darum, dass du gut dastehst, auch das macht uns Jesus heute deutlich: Er sagt: “So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.” (Mt 5,14) Es geht also überhaupt nicht darum, dass ich gut da stehe, weil ich Gutes getan habe, sondern es geht darum, dass durch mein Wirken und mein Dasein die Liebe Gottes für die Menschen spürbar wird und dass er gepriesen wird, nicht ich.
Fang konkret bei deinem Nachbarn an
Vielleicht sagst du jetzt, alles gut und schön, aber mich überfordert der Auftrag, Licht in die Welt zu bringen, wo es doch so viel schreckliche Dunkelheit gibt in unserer Welt. Da kann ich nur ausbrennen. Dagegen würde ich sagen: schau nicht auf all das, was du nicht verändern kannst sondern schau auf das, was du kannst. Ich erwarte auch nicht von meiner Lampe im Wohnzimmer, dass sie mein Badezimmer erhellt. Ich möchte euch dazu eine wahre Geschichte aus der letzten Zeit erzählen, die mich sehr berührt hat: ich habe euch ja schon öfter erzählt, dass ich eine iranische Assistentin habe. Sie erzählt mir sehr viel über die schrecklichen Ereignisse, die jetzt gerade im Iran vor sich gehen. Und es klingt echt niederschmetternd und hoffnungslos. Doch vor kurzem hat sie mir etwas erzählt, das wirklich einen Funken Hoffnung gibt. Sie hat von ihrer Schwester folgendes erfahren: Der zehnjährige Nachbarsjunge der Schwester war wie so viele andere auch auf der Straße und hat gegen das Regime demonstriert. Er wurde angezeigt und die Polizei hat ihn unter Schlägen aus der Nachbarwohnung geholt und abgeführt. Weder seine Mutter noch die Nachbarn konnten etwas dagegen unternehmen. Der Junge hat keinen Vater mehr und so haben sich die Schwester meiner Assistentin und deren Mann auf dem Weg zur Polizei gemacht und haben alles dafür eingesetzt den Jungen von dort zurückzubekommen. Und sie haben es geschafft. Die Polizisten haben gesagt, es wäre das erste und das letzte Mal, dass sie so etwas machen, aber sie haben den Jungen freigegeben. Er war schwerstens misshandelt, aber er war am Leben. Hat sich deswegen die Situation im Iran geändert? Nein. Es sterben weiterhin tausende Menschen. Aber dieser Junge wurde gerettet, weil sich Menschen für ihn eingesetzt haben, die wussten, dass es sonst niemanden gibt, der sich für ihn einsetzen kann. Sie haben auch ihr eigenes Leben riskiert, um einen Jungen zu retten, der nicht ihr eigener ist.
Ich glaube, das ist es, was Jesus uns zuspricht, wenn er sagt, ihr seid das Licht der Welt. Wir dürfen genau dort wo wir hingestellt sind ganz konkret nach links und rechts schauen und das tun, was jetzt gerade in unserer Möglichkeit ist, um für andere Licht zu sein. Manchmal bedeutet das, einfach nur da sein, im Wissen, dass Jesus das Licht ist, das in uns lebt (Johannes 8,12). Und manchmal kann es bedeuten, unser Leben zu riskieren, im Wissen, dass der, durch den wir das Licht der Welt sind, auch sein Leben hingegeben hat, damit wir leben. Immer geht es darum, dass Gottes Liebe spürbar wird für die Menschen um uns. Amen.