Mut zum Träumen!
“Du bist eine richtige Träumerin!” Wenn mir das jemand sagt, ist das in unserer heutigen Zeit mit Sicherheit kein Kompliment. Wir planen unser Leben, bedienen uns dazu vieler technischer Hilfsmittel, versichern so vieles im Leben, wie möglich und lassen uns nur ungern dreinreden oder zu einem Kurswechsel bewegen. Und dann hören wir heute, am 4. Adventsonntag, von einem, dessen Lebenspläne massiv durchkreuzt werden. Gedanklich sind wir vielleicht schon beim Christbaumaufputz und der Einkaufsliste für die Feiertage, planen genau, wie wir gut feiern können. In diese Erwartungshaltung der letzten Tage des Advents kommt die Erzählung über den Mann, dem wir die Geburt Jesu zu verdanken haben. Josef hätte Maria anklagen können und sie wäre nach damaligem Gesetz gesteinigt worden, denn er war ganz sicher nicht der Vater ihres Kindes. Er war jedoch offen für die Stimme Gottes, dessen Bote ihm im Traum eröffnet, wie er gerecht handeln kann. Josef durchbricht klare Regeln seiner Zeit, ihm ist das Leben seiner Verlobten wichtiger als seine Ehre. Der Engel verrät Josef im Traum den Namen des Kindes: Jesus – Gott rettet oder wie in der Lesung Immanuel – Gott (ist) mit uns. Für mich ist diese Erzählung eine mehrfache Ermutigung:
1. Ich darf träumen und manchmal etwas umsetzen, was mir in wachem Zustand nie eingefallen wäre. Das können Kleinigkeiten sein, aber auch große Entscheidungen, die mein Leben beeinflussen. Manchmal erkenne ich erst im Traum meine tiefsten Sehnsüchte, und um diese Wirklichkeit werden zu lassen, darf ich 2. vertrauen, dass Gott mit mir ist. Das spüre ich nicht immer, und angesichts vieler großer und kleinerer Krisen in meinem Leben aber auch im Leben anderer, fällt es mir nicht immer leicht, dieses Vertrauen zu festigen. Da hilft es mir, mich mit Menschen auszutauschen, zuzuhören, wie andere ihr Vertrauen in Gott leben, zu erfahren, was andere ermutigt und immer wieder zu staunen. Und 3. ermutigt mich diese Erzählung, mich mit der Heiligen Schrift auseinanderzusetzen und mein Leben in diese Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen einzuweben. In Gemeinschaft fällt das leichter, und ich bin sehr dankbar, dass wir uns im Advent gemeinsam mit der evangelischen Christuskirche an drei Abenden auf den Weg zur Menschwerdung gemacht haben: ein offener und spannender Austausch zu verschiedenen Texten aus dem Ersten und Zweiten Testament.
Vielleicht ist es also gar kein Makel, eine Träumerin oder ein Träumer zu sein. Vielleicht beginnt Gottes Wirken in unserem Leben genau dort, wo wir den Mut haben, unsere Pläne einen Moment loszulassen und offen zu werden für seine leise Stimme. Josef zeigt uns: Wer träumt, hört manchmal mehr als der Verstand allein erfassen kann. So dürfen wir am Ende dieses Advents darauf vertrauen, dass Immanuel kein schöner Name aus einer alten Geschichte ist, sondern eine Zusage für unser eigenes Leben – mitten im Alltag, mit allem, was geplant ist und allem, was anders kommt. Gott ist mit uns! Amen.