Aus der Zeit gefallen?
Aus der Zeit gefallen. So kommt mir manchmal die Sprache in unseren Gottesdiensten vor, besonders in den formulierten Gebeten, da verdichtet im Hochgebet der Messe. Auch manche Feste muten so an. Das “Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria” feiern wir heute im offiziellen Wortlaut. Und aus der Zeit gefallen erscheinen manche biblische Texte – zumindest auf den ersten Blick. Zeit ist auch ein gutes Stichwort für den Umgang mit diesen Texten. Wenn wir sie verstehen, in sie eintauchen und wollen, dass sie Teil unseres Lebens sind, brauchen wir Zeit dafür. Geduld und Treue sind weitere Zutaten, die hilfreich für den Zugang zu biblischen Texten sein können. Dann empfinden wir sie nicht mehr wie “aus der Zeit gefallen”. Der Lesungstext ist dafür ein gutes Beispiel. Sie bekommen heute den ganzen Text mit nach Hause, denn aus Gründen der Verständlichkeit wurde hier stark gekürzt, was aber gerade für das Verständnis nicht unbedingt förderlich ist. Dieser Christus-Hymnus hat 14 Verse und ist im griechischen Original ein einziger Satz. Wir haben daraus heute 4 sehr dichte Sätze gehört. Der Kernsatz ist für mich: “Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Töchter und Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, zum Lob seiner herrlichen Gnade.” Das bringt auf den Punkt, was christliches Leben ausmacht: Durch unsere Taufe werden wir in die Gotteskindschaft hineingenommen, werden wir zu Brüdern und Schwestern Jesu und gleichzeitig auch füreinander Brüder und Schwestern. Und Gott tut das aus Liebe und schon im Voraus. Das bedeutet, dass wir uns seine Liebe nicht verdienen können und dass er keine Leistung von uns erwartet. Vor Gott dürfen wir sein wie wir sind, schließlich hat er uns auch so geschaffen. Auch Maria hat Gott erwählt noch bevor sie geboren wurde. Er wollte, dass sie die Mutter seines Sohnes ist und hat sie daher vor der Sünde bewahrt und zwar vom Augenblick ihrer Empfängnis, an die wir heute denken. Die Liebe von Anna und Joachim hat in Maria „Hand und Fuß“ bekommen. Maria hat JA gesagt zu dieser Erwählung durch Gott. Sie hat Verantwortung für das übernommen, was Gott ihr zugemutet hat. Maria und das heutige Fest fordern mich heraus, mein ganz persönliches JA zu sagen. Ja zu dem Leben, das Gott mir geschenkt hat, ein Leben mit eigenen Herausforderungen, ein Leben, in dem ich mich Gott anvertrauen will. Trotz aller Zweifel, trotz der schwierigen Zeit, in der wir leben. Ich lebe darauf zu, irgendwann auch aus der Zeit zu fallen – in die Ewigkeit Gottes. Amen.