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Magnificat

Predigt bei der 13er-Wallfahrt in Straßgang
Wolfgang Schwarz

Liebe WallfahrerInnen!

Wir verehren Maria als Mutter der Kirche. Viele Bilder, die uns Maria zeigen, sind Hoffnungsbilder. Hier in Straßgang steht seit 500 Jahren dieses starke Bild der Schutzmantelmadonna. Der damaligen Zeit entsprechend finden unter dem Mantel von Maria – gut geordnet und getrennt – die Vertreter und Vertreterinnen des kirchlichen Lebens und des damaligen gesellschaftlichen Lebens Platz. Dieses Bild ist uns vertraut und wir selber dürfen uns auch mitgemeint wissen, wenn wir auf dieses alte Bild schauen. Auch wir finden Schutz bei Maria, unter ihrem Mantel, durch ihre Fürbitte. Maria, die Mutter der Kirche ist auch unsere Mutter.

Heute bei dieser Wallfahrt darf ich euch und Ihnen eine neue Initiative aus Deutschland vorstellen, die bei uns in der Steiermark noch nicht so bekannt ist, auch wenn ihr auf der Homepage der Diözese ein längerer Abschnitt gewidmet ist. Gerade in dieser Initiative wird für mich deutlich, was es heißen kann Maria heute als Mutter der Kirche anzusprechen, als eine die nicht nur schützend den Mantel über uns breitet, sondern zugleich ermutigt sie im Hören auf das Wort Gottes ein neues Lied anzustimmen, ein Lied des Aufbruchs.

2019 trafen sich in Münster in der Pfarre Heilig Kreuz katholische Frauen zu einem Lesekreis, um die Enzyklika von Papst Franziskus zu lesen und darüber nachzudenken. „Eines Abends kam es anders: Statt über das Evangelii gaudium des Papstes zu sprechen, wurde eine Diskussion über die Missstände der katholischen Kirche entfacht. Und eine neue Bewegung wurde somit geboren. Auch wenn Gleichberechtigung innerhalb der Kirche oft hochgelobt werde, so gebe es doch nur eine Frau, die von Amtsträgern gebilligt werde. Maria, die Mutter Gottes, die alleine auf ihrem Sockel steht und zu einer einzigen Sache verdammt sei: Schweigen. So schreiben zumindest die Initiatorinnen der Protestaktion Maria 2.0 in ihrem offenen Brief an Papst Franziskus. Ein Brief der an Forderungen sowie an Relevanz nichts zu wünschen übrig lässt. Die Frauen appellieren für Aufklärung und härtere Strafen bei Missbrauchsfällen, eine Abschaffung des Pflichtzölibats, Zugang für Frauen zu allen Kirchenämtern und Gleichstellung aller Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Im Zusammenhang mit diesem Brief wurde eine Online-Petition gestartet“, die 40.000 Unterstützerinnen und Unterstützer fand. Maria wurde über Jahrhunderte als die schweigende Frau vermittelt, die nichts zu sagen hat. Viele Frauen in der Kirche heute, denken nicht mehr so über Maria. Sie wollen nicht mehr schweigen, sondern mit Maria das Magnificat anstimmen und dazu beitragen, dass dieser Aufbruch jetzt endlich beginnt.

In diesem Sinn arbeitet auch Lisa Kötter, eine Künstlerin. Sie hat für die Aktion Maria 2.0, ausgehend von einer Marienikone, unzählige Porträts mit demselben Motiv angefertigt: Ihre Bilder zeigen Frauen mit zugeklebten oder zugepressten Lippen, ein Symbol, wie die Kirche das weibliche Geschlecht mundtot gemacht hat. Aus diesem Schweigen wollen die Unterstützerinnen und Unterstützer von Maria 2.0 ausbrechen. Um aus diesem Schweigen auszubrechen und gehört zu werden, riefen die Initiatorinnen von Maria 2.0 im Marienmonat zu ihrem ersten Kirchenstreik auf. Vom 11. bis 18. Mai 2019 blieben Frauen der Kirche fern und taten keinen Dienst. Egal ob Mesnerin, Musikerin, Floristin,… Ziel war es zu zeigen, dass ohne Frauen in der Kirche nicht alles so rund läuft wie es sollte. Statt der Sonntagsmesse, feierten die Streikenden vor den Kirchtüren ihre eigenen Gottesdienste.

Nach sieben Tagen des Streiks, zeigte sich Andrea Voß-Frick, eine der Initiatorinnen, begeistert von der positiven Resonanz und kündigte weitere Streiks an, die dann im Herbst stattfanden. Maria 2.0 erhält Unterstützung von immer mehr hohen Amtsträgern, doch muss sich gleichzeitig auch viel Kritik gefallen lassen.

Diese Initiative ist für mich wie ein erfrischender Sturm des Heiligen Geistes. Unsere Kirche darf sich befreien von männlichen Machtstrukturen, die bis heute so viel Unheil angerichtet haben. Wir glauben ja an einen Gott der sich aller Gewalt entäußert und uns liebend und verzeihend entgegenkommt.

„Mein Gottvertrauen wurde in diesem Jahr gestärkt. Mein Verständnis darüber, was Freiheit ist, hat sich vertieft. Ich bin mehr denn je begeistert für die Botschaft dieses Jesus von Nazareth. Sie könnte die Welt aus den Angeln heben, würden wir endlich die Freiheit annehmen, die er uns zeigt mit seinem Blick der Liebe.“ Das bekennt die oben schon zitierte Künstlerin Lisa Kötter aus Münster.

Wenn heute das Bild von der Schutzmantelmadonna neu gestaltet werden würde, dann würde es unter dem Mantel von Maria noch bunter zugehen als vor 500 Jahren. Nicht nur die Hierarchie der Kirche würde sichtbar und die Stände der Gesellschaft, sondern die Buntheit der Weltkirche, Menschen mit allen Hautfarben, vor allem die Geplagten und an den Rand gedrängten und sicher viel mehr Frauen. Und Maria würde sie nicht nur unter ihren Mantel nehmen, sie würde ihnen zugleich das Pflaster vom Mund nehmen, damit sie alle ihr neues Lied der Befreiung singen können: Magnificat! AMEN.

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